Eine Bestandesaufnahme von OpenGLAM in der Schweiz

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2013 war das Jahr, in dem die Open Knowledge Foundation die OpenGLAM-Prinzipien verabschiedete und der Schweizer Verein Opendata.ch offiziell seine eigene OpenGLAM-Arbeitsgruppe lancierte und neue Mitglieder begrüssen durfte. Diese beiden Meilensteine zeigen, dass die Bewegung für die Öffnung unseres kulturellen Erbes an Fahrt gewinnt. Wir sehen immer mehr Institutionen, die ein weltweites Publikum ansprechen und ihre Sammlungen so auffindbar und vernetzt machen wie nie zuvor: Besucherinnen und Nutzer können so nicht nur die Schätze der Gedächtnisinstitutionen der Welt geniessen, sondern auch online zur Kultur beitragen, an ihr teilhaben und sie teilen.

Obwohl diese relativ junge Entwicklung noch am Anfang steht, gibt es bereits viele Beispiele von Institutionen, die sich entschieden haben, den OpenGLAM-Prinzipien gerecht zu werden – zumindest für Teile ihrer Sammlungen. Mehrere von Freiwilligen getragene Communities und Nichtregierungsorganisationen regen den Prozess der Öffnung und Nachnutzung unseres kulturellen Erbes an und erleichtern ihn. Um eine Bestandesaufnahme von OpenGLAM in der Schweiz vorzunehmen und einen Eindruck von der Dynamik der Bewegung zu vermitteln, werfen wir einen Blick darauf, was im vergangenen Jahr erreicht wurde.

Bild-Uploads und Inhaltsspenden an Wikimedia Commons

2013 haben mehrere Institutionen mit Wikimedia CH zusammengearbeitet, um Bilder auf Wikimedia Commons hochzuladen. Damit machen sie Material der Wikipedia-Community zugänglich, die es dann zur Illustration in Wikipedia-Artikel einbindet oder nutzt, um über Themen zu schreiben, die in Wikipedia noch nicht behandelt werden. Solche Bild-Uploads sind auch für die Institutionen selbst eine gute Gelegenheit, Rückmeldungen zu Fehlern in ihren Metadaten zu erhalten.

Gesamtansicht von Zürich um 1884 von Heinrich Siegfried. Bild zur Verfügung gestellt von der Zentralbibliothek Zürich (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Gesamtansicht von Zürich um 1884 von Heinrich Siegfried. Bild zur Verfügung gestellt von der Zentralbibliothek Zürich (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im Februar und März lud die Zentralbibliothek Zürich schrittweise rund 100 gemeinfreie Bilder aus ihren umfangreichen Sammlungen hoch, die mehrere Themenbereiche repräsentieren: Einblattdrucke, Landschaften, Porträts und kulturhistorisches Material. Im November folgte die Zentralbibliothek Solothurn mit dem Upload von rund 1150 gemeinfreien Bildern, die grösstenteils Themen aus dem Grossraum Solothurn betreffen. Und im Dezember lud das Schweizerische Bundesarchiv über 5000 Bilder aus seiner Sammlung zum Ersten Weltkrieg hoch, die es unter einer CC-by-sa-Lizenz freigab. Bilder aus diesen drei Uploads wurden in rund 250 Wikipedia-Artikeln in mehr als 40 Sprachversionen verwendet, die jährlich rund 4,5 Mio. Seitenaufrufe verzeichnen, sowie in Open-Source-Projekten wie SwissGuesser.

Digitalisierungsprojekte, aus denen freie Inhalte entstehen

Mehrere Projekte haben als Ausgangspunkt besonders wertvolle oder gefährdete Objekte oder Dokumente gescannt. Die entstandenen Mediendateien werden anschliessend ebenfalls auf Online-Plattformen wie Wikimedia Commons hochgeladen, wo sie einem breiteren Publikum zugänglich sind und nachgenutzt werden können. Zu den Digitalisierungsprojekten des Jahres 2013 gehörten das Public Domain Project, das sich der Digitalisierung alter Schellackplatten widmet, sowie ein gemeinsames Projekt von Wikimedia CH, der Internationalen Gesellschaft für historische Alpenforschung (IGHA) und des Laboratorio di Storia delle Alpi (LabiSAlp), das sich mit der Geschichte der Alpen befasst.

Ein Fotowettbewerb zur Sammlung frei lizenzierter Inhalte

Zum dritten Mal in Folge organisierte Wikimedia CH die Schweizer Ausgabe des Fotowettbewerbs «Wiki Loves Monuments», eines internationalen Anlasses rund um das Kulturerbe. Alle Bilder im Wettbewerb müssen ein historisches Denkmal zeigen, das auf einer der offiziellen Listen steht, unter einer freien Lizenz freigegeben und auf Wikimedia Commons hochgeladen werden. Die über den Wettbewerb gesammelten Bilder werden von der Wikipedia-Community zur Illustration von Wikipedia-Artikeln verwendet. Im Zusammenhang mit dem diesjährigen Wettbewerb entstand in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Nationalbibliothek eine Ausstellung mit Bildern sowohl aus verschiedenen Ausgaben des Schweizer Fotowettbewerbs «Wiki Loves Monuments» als auch aus dem Eidgenössischen Archiv für Denkmalpflege.

Fotoausstellung: «Denkmäler im Wandel der Zeit». (Foto von Moumou82, Wikimedia Commons, CC-by-sa)

Fotoausstellung: «Denkmäler im Wandel der Zeit». (Foto von Moumou82, Wikimedia Commons, CC-by-sa)

Die diesjährige Schweizer Ausgabe des Wettbewerbs führte zum Upload von fast 4000 Fotos. Eines davon wählte die internationale Jury zum besten Bild des diesjährigen Fotowettbewerbs Wiki Loves Monuments, was national wie international die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zog.

Datenfreigaben und Fehlermeldungen

Sowohl der Fachbereich Kulturgüterschutz des Bundesamts für Bevölkerungsschutz als auch der Kanton Zürich haben Datensätze mit offiziellen Denkmallisten zur Verfügung gestellt. Diese Listen dienten als Grundlage für den Fotowettbewerb Wiki Loves Monuments. Im Fall des Bundesamts für Bevölkerungsschutz hat die Wikipedia-Community den Behörden einen Fehlerbericht übermittelt, der bei der nächsten Aktualisierungsrunde berücksichtigt wird.

Mit dem Start des Open-Data-Portals der Schweizerischen Eidgenossenschaft im September 2013 hat die Schweizerische Nationalbibliothek mehrere Datensätze unter einer freien Lizenz veröffentlicht.

Führungen für Wikipedianerinnen und Wikipedianer

Um mit neuen Themen in Kontakt zu kommen oder die Gelegenheit zu erhalten, sonst unzugängliche Objekte zu fotografieren, besuchen Wikipedianerinnen und Wikipedianer gerne kleine Museen und andere interessante Institutionen. Diese Besuche führen in der Regel zu einer Verbesserung der entsprechenden Artikel.

Bis zu zehn Wikipedianerinnen und Wikipedianer nehmen regelmässig am Wikipedia-Stammtisch in Zürich teil. Manchmal geht dem üblichen Abendessen mit Gesprächen bis spät in den Abend am Nachmittag ein Museumsbesuch voraus. Die drei 2013 besuchten Museen sind das Kościuszko-Museum in Solothurn, das Heimatmuseum in Gersau und das Museum des Theaters Stok in Zürich.

Zwei weitere Besuche wurden im Schweizerischen Bundesarchiv (im Zusammenhang mit der Tätigkeit des Wikipedian in Residence – siehe unten) und im Eidgenössischen Archiv für Denkmalpflege (im Zusammenhang mit der diesjährigen Abschlussveranstaltung von Wiki Loves Monuments in der Nationalbibliothek) organisiert.

Re:Public Domain – ein Kulturprojekt zur Förderung der Nachnutzung gemeinfreier Inhalte

Um die Gemeinfreiheit zu feiern und alten Werken neues Leben einzuhauchen, ermutigte Dock18, das Zürcher Institut für Medienkulturen der Welt, verschiedene Künstlerinnen und Künstler, neue Kunstwerke auf der Grundlage von Werken zu schaffen, die kürzlich gemeinfrei geworden sind. Diese neuen Schöpfungen in verschiedenen Formaten (Texte, Musik, Theateraufführungen, Installationen usw.) wurden in der zweiten Hälfte 2013 an einer Reihe von Veranstaltungen in Zürich, Genf, Aarau und Bern der Öffentlichkeit präsentiert.

Re:public Domain Night in Zürich, 27. September 2013

QRpedia-Pilotprojekt

Eine weitere Möglichkeit, freie Inhalte an neue Zielgruppen heranzutragen, sind QR-Codes, die auf Wikipedia-Artikel verweisen. Im Frühling 2013 führte eine Gruppe von Studierenden der Berner Fachhochschule ein QRpedia-Pilotprojekt in der Abteilung «Afrika» des Naturhistorischen Museums Bern durch, um mehr über die Benutzerfreundlichkeit von QRpedia-Codes zu erfahren (vollständiger Bericht auf Deutsch).

Erster Wikipedian in Residence in der Schweiz

Sogenannte «Wikipedians in Residence» sind ein bewährter Ansatz, um Partnerschaften zwischen Gedächtnisinstitutionen und der Wikipedia-/Wikimedia-Community aufzubauen und zu stärken, indem sie das gegenseitige Verständnis fördern und die Zusammenarbeit zwischen Wikipedianerinnen und Wikipedianern und GLAM-Mitarbeitenden erleichtern.

Micha L. Rieser – der erste Wikipedian in Residence in der Schweiz. (Foto von Marco Majoleth, Wikipedia.de, CC-by-sa)

Micha L. Rieser – der erste Wikipedian in Residence in der Schweiz. (Foto von Marco Majoleth, Wikipedia.de, CC-by-sa)

Im Sommer 2013 spannten das Schweizerische Bundesarchiv und Wikimedia CH zusammen, um den ersten Wikipedian in Residence der Schweiz anzustellen. Das ursprüngliche Ziel war, mehr als 5000 digitalisierte Fotografien aus einer Sammlung zum Ersten Weltkrieg über Wikimedia durchsuchbar und frei zugänglich zu machen (siehe oben). Der Wikipedian in Residence zeigte den Mitarbeitenden des Bundesarchivs zudem, wie Wikipedia hinter den Kulissen funktioniert und wie sie die Wikipedia-Community am besten bei ihrem Vorhaben unterstützen können, die grösste Wissensdatenbank der Welt aufzubauen und zu pflegen. Umgekehrt wurden Wikipedianerinnen und Wikipedianer eingeladen, die Räumlichkeiten des Archivs zu besuchen.

Einführungskurse für GLAM-Personal

Weitere Wikipedia-/Wikimedia-Einführungskurse für GLAM-Personal bot Diego Hättenschwiler im Frühling 2013 an: einen in der Bibliothek der Theologischen Fakultät der Universität Basel, den anderen an der Berner Fachhochschule. Der zweite richtete sich an Personen aus dem Bibliotheks- und Dokumentationsbereich. Von den 12 Teilnehmenden, von denen noch niemand zuvor Wikipedia bearbeitet hatte, haben vier Artikel erstellt oder verbessert, die in direktem Bezug zu ihrer Institution stehen, und eine Person schreibt seither aktiv mit und hat viele verschiedene Artikel bearbeitet. Zudem erwies sich der Workshop als gute Gelegenheit, mit Vertreterinnen und Vertretern anderer Institutionen in Kontakt zu kommen.

Im Herbst 2013 bot die Haute école de gestion de Genève einen Weiterbildungstag zum Thema Linked Open Data in der Bibliothekswelt an.

Communities of Practice

Neben klassischen Weiterbildungsangeboten gab es verschiedene Initiativen mit dem Ziel, Communities of Practice rund um Themen im Zusammenhang mit OpenGLAM anzuregen und aufzubauen. So initiierte das BJ Institute mit Unterstützung von Wikimedia CH die Gründung einer Arbeitsgruppe von Digitalisierungsexpertinnen und -experten; das Schweizerische Bundesarchiv lud zu einem Digital-Humanities-Workshop ein, um zu diskutieren, wie Digital Humanists künftig mit Archivmaterial arbeiten werden; der Migros-Genossenschafts-Bund organisierte ein Kolloquium zum Thema «Big Data und ihre Auswirkungen auf die Kultur»; die Nationalbibliothek führte in Zusammenarbeit mit infoclio einen Open-Data-Workshop durch, um zu diskutieren, wie die neu freigegebenen Datendateien von Forschenden genutzt werden könnten; und die HTW Chur war Gastgeberin einer Unkonferenz zu den Themen Open Data, Open Access und Open Educational Resources.

Mit einer stärker internationalen Ausrichtung organisierte der Verein Opendata.ch die Ausgabe 2013 der Open Knowledge Conference in Genf mit, die sowohl einen OpenGLAM-Workshop als auch einen GLAM-Konferenztrack umfasste. Die Gelegenheit wurde genutzt, um Erfahrungen unter OpenGLAM-Befürworterinnen und -Befürwortern aus verschiedenen Ländern auszutauschen und die Lancierung einer OpenGLAM-Arbeitsgruppe und eines OpenGLAM-Netzwerks in der Schweiz im Jahr 2014 vorzubereiten.

Video auf Livestream.com
Jill Cousins (Direktorin von Europeana) spricht an der OKCon 2013 in Genf.

Ausserdem ist zu erwähnen, dass das Team von Creative Commons Schweiz im November 2013 zur Veröffentlichung der neuen Creative-Commons-Lizenzen beigetragen hat, die insbesondere die freie Lizenzierung von Datensätzen erleichtern werden – in der Europäischen Union und in weiteren Ländern, die ein Sui-generis-Datenbankrecht kennen.

Zeitgleich mit der Veröffentlichung von Creative Commons 4.0 führte die Schweizer CC-Arbeitsgruppe einen Workshop zur Neugestaltung der Website durch, die bald neu lanciert wird.

Forschung

Im Bereich der Forschung, die sich konkret mit OpenGLAM-bezogenen Fragen bei Gedächtnisinstitutionen in der Schweiz befasst, sind folgende Beiträge zu erwähnen:

Die Berner Fachhochschule führte eine Pilotumfrage bei Gedächtnisinstitutionen in der Schweiz durch, um herauszufinden, wo sie in Bezug auf Open Data und Crowdsourcing stehen und wie sie diese eher neuen Trends wahrnehmen.

  • Estermann, Beat (2013): Swiss Heritage Institutions in the Internet Era. Results of a pilot survey on open data and crowdsourcing, Bern University of Applied Sciences, E-Government Institute. (Englisch / Deutsch / französische Zusammenfassung, erschienen in arbido 4 2013)

Zwei Forschende der Haute école de gestion de Genève analysierten Stellenangebote in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich, um Schlüsselkompetenzen für Informationsfachleute im Bereich Linked Open Data zu ermitteln. Zudem befragten sie grosse Bibliotheken und Bibliotheksverbünde in der Schweiz, um herauszufinden, welche Institutionen bereits Projekte im Zusammenhang mit Linked Open Data durchführten.

  • Hügi, Jasmin / Prongué, Nicolas (2013): Linked Open Data: quelles nouvelles competences pour les professionnels de l’information? arbido 4 2013, S. 7-9.
  • Hügi, Jasmin / Prongué, Nicolas (2013) : Les applications basées sur les LOD en bibliothèque : un tour d’horizon. arbido 4 2013, S. 15-16.