Unsere Erfahrungen mit der Sensibilisierung für Daten in der Romandie

  • Data Café

An 10 Standorten in der Westschweiz haben wir Menschen auf der Strasse gefragt, ob sie gerne einen «Gratis»-Kaffee trinken möchten – im Tausch gegen persönliche Daten. Die Frage und der Gratiskaffee sind Teil einer Sensibilisierungskampagne namens Data Café, die ein reflektiertes Verständnis für den Wert von Daten in unserer Gesellschaft fördert. Ein Handel, den die meisten von uns täglich online eingehen, wurde auf die Strasse gebracht: Wenn wir die Google-Suche, Facebook, Instagram oder WhatsApp nutzen, «bezahlen» wir die  «kostenlosen» Dienste mit unseren persönlichen Daten. Anders als im Internet, wo man viele Dienste gegen persönliche Daten nutzen kann, bekommt man im Data Café einen Kaffee, wenn man bereit ist, seine Daten zu teilen:  Vorname, Nachname, Geschlecht, E-Mail, Geburtsdatum und Kanton. Einen Eindruck von unserer Kampagne vermittelt dieses Video – lest aber weiter, um zu erfahren, was wir auf unserer Reise durch die Westschweiz entdeckt haben.

Unterschiedliche Orte – unterschiedliche Generationen – unterschiedliche Reaktionen

Die Reaktionen, die wir während unserer Kampagne in der Westschweiz erlebten, waren vielfältig – sehr vielfältig. Ein Passant in Neuenburg fühlte sich durch unser «unmoralisches» Angebot beleidigt und drohte, die Polizei zu rufen, weil er glaubte, wir würden persönliche Daten zu missbräuchlichen Zwecken sammeln. Er beruhigte sich erst, als wir ihm erklärten, dass die ganze Aktion Teil einer Sensibilisierungskampagne war. An anderen Orten, zum Beispiel bei unserer Aktion an der EPFL, fragten uns viele Teilnehmende nicht einmal, was wir mit ihren persönlichen Daten vorhatten; der Kaffee war Angebot genug. In solchen Fällen versuchten wir meist, einige kritische Fragen zu stellen («Möchtest du wissen, was wir mit deinen Daten machen?»), aber manche störten sich auch danach nicht an dem Handel. Irgendwann hörten wir auf zu zählen, wie oft wir den Satz «Meine Daten sind sowieso schon im Umlauf, warum sollte mich das kümmern?» hörten. Das war uns bereits bei unserer Kampagne in der Deutschschweiz aufgefallen, aber wir hatten den Eindruck, dass wir in der Romandie insgesamt weniger kritische Diskussionen führten. Unseren Blogbeitrag über die Kampagne in der Deutschschweiz findet ihr hier.

Dafür mag es mehrere Gründe geben, zwei Hauptgründe müssen jedoch genannt werden. Erstens haben wir mehr junge Menschen angesprochen als im ersten (deutschsprachigen) Teil unserer Kampagne, da sich zwei unserer Standorte auf Hochschulcampus befanden. Generell scheinen junge Menschen unserem Angebot gegenüber offener zu sein als ältere. Während ältere Menschen unser Angebot einfach ohne Diskussion ablehnten und die junge Generation es oft ohne Diskussion annahm, waren die 40- bis 60-Jährigen am kritischsten: ausreichend an einem Kaffee interessiert, aber nicht so sehr, dass sie das Angebot annahmen, ohne vorher einige Fragen zu stellen. Das wirft die Frage auf, ob es nicht eine gezieltere und intensivere Sensibilisierung für den Datenschutz bei jüngeren Menschen braucht.

Der zweite Grund für die geringere Zahl kritischer Diskussionen in der Romandie im Vergleich zur Deutschschweiz war, dass wir oft in Institutionen standen, die Vertrauen weckten, etwa im Museum des IKRK, an der EPFL oder am Graduate Institute Geneva. An diesen Orten beantworteten die Leute unsere Fragen zu ihrer Offenheit gegenüber dem Angebot oft mit der Bemerkung, die Institution würde uns nicht dort stehen lassen, wenn wir nicht sozial verantwortungsvoll handelten. Das zeigt, dass Datenschutz und das Verhalten der Menschen kontextabhängig sind und stark vom Umfeld abhängen.

Die beiden oben beschriebenen Punkte (mehr junge Menschen und vertrauenswürdige Institutionen) könnten auch erklären, warum unser Angebot in der Romandie im Durchschnitt häufiger angenommen wurde als in der Deutschschweiz. Im Schnitt waren in der Deutschschweiz 35 % der Besucherinnen und Besucher des Data Café bereit, ihren Kaffee mit ihren persönlichen Daten zu bezahlen, während dieser Durchschnitt in der Romandie mit rund 50 % deutlich höher lag. Dabei ist zu beachten, dass die durchschnittliche Annahmequote an vielen Orten gleich hoch war wie im deutschsprachigen Teil unserer Kampagne (rund 35–40 %), zum Beispiel auf den Strassen von Biel, Yverdon oder Neuenburg. An vertrauenswürdigeren Orten (etwa im Museum des IKRK) stieg dieser Durchschnitt auf 55 %, und an den Hochschulen (etwa auf dem Campus der EPFL) erreichte er sogar 70 %.

Um weitere Erkenntnisse zu gewinnen, haben wir allen Personen, die ihre Daten geteilt haben, eine Umfrage geschickt.

Kritische Fragen und die grenzüberschreitende Natur der Datennutzung

Obwohl die Menschen in der Romandie insgesamt offener waren, stellten sie uns dennoch viele interessante und kritische Fragen. Einige betrafen die Kampagne selbst. Ein Besucher fragte uns, ob wir uns nicht selbst widersprächen, wenn wir uns für einen verantwortungsvolleren Umgang mit persönlichen Daten und generell mehr Datenschutz einsetzten und dabei trotzdem persönliche Daten von Menschen sammelten. «Was ihr macht, ist wie eine Kampagne, die sagt: ‹Trinkt nicht, wenn ihr Auto fahrt. Hier, nehmt einen Wodka›.» Wir erklärten ihm, dass wir die Daten verantwortungsvoll verwenden (für eine Studie der Universität Zürich, vollständig anonymisiert), während viele «kostenlose» Online-Dienste wie soziale Medien dies nicht tun. Die Botschaft unserer Kampagne ist nicht, persönliche Daten um jeden Preis zu schützen, sondern es geht um einen verantwortungsvollen Umgang mit Daten und darum, dass die Menschen wissen, wie Unternehmen ihre Daten verwenden. Deshalb «bezahlt» man seinen Kaffee mit persönlichen Daten – genauso, wie man für «kostenlose» soziale Medien mit persönlichen Daten bezahlt.

Viele weitere Fragen wurden an unseren beiden französischsprachigen HelpDesk-Anlässen gestellt. Für die HelpDesks luden wir Fachleute ein, uns an bestimmten Kampagnenstandorten zu begleiten und alle Fragen der Data-Café-Besucherinnen und -Besucher zu Datennutzung und Datenschutz zu beantworten. An beiden HelpDesks war eine auf Datenschutz spezialisierte Anwältin bzw. ein Anwalt dabei, an einem der beiden zudem eine Fachperson für Informationssicherheit. Beide HelpDesks fanden an Hochschulen statt (EPFL und Graduate Institute Geneva), weil wir dort den grössten Sensibilisierungsbedarf sahen. Überrascht hat uns, dass sich die Fragen an beiden HelpDesks vor allem um die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) der Europäischen Union und ihre Anwendbarkeit in der Schweiz drehten. Offenbar sind viele Studierende sowohl einer technischen Hochschule (EPFL) als auch einer sozialwissenschaftlichen Hochschule (Graduate Institute Geneva) gut über die Datenschutzgesetze ausserhalb der Schweiz informiert. Die Studierenden wollten wissen, welche Rechte sie unter der DSGVO haben und wie die Rechtslage in der Schweiz aussieht. Das zeigt, dass sich die jüngere Generation der grenzüberschreitenden Natur der Datennutzung sehr bewusst ist. Die technischen Fragen an den HelpDesks betrafen vor allem Cookies und warum es wichtig sei, sie zu deaktivieren. Die Fachperson für Informationssicherheit versuchte, die Besucherinnen und Besucher davon zu überzeugen, dass es beim Datenschutz vieles gibt, das weit wichtiger ist als Cookies. «Du kannst so viele Cookies deaktivieren, wie du willst – deine Daten schützt das nicht, wenn du alles über dich auf Facebook veröffentlichst.»

Wer mehr erfahren möchte, findet den Blogbeitrag über den deutschsprachigen Teil hier. Opendata.ch beendet die Kampagne, die durch die Stiftung Mercator Schweiz ermöglicht wurde, offiziell. Wir können euch jedoch das gesamte Material zur Verfügung stellen, damit ihr selbst ein Data Café organisieren könnt. Alle Informationen findet ihr hier.