Condatos 2017 und Abrelatam: Lateinamerikanische Open-Data-Konferenz
Bis vor einem Monat durfte ich als Community Manager für Opendata.ch arbeiten, das Programm «Business Innovation food.opendata» mitkoordinieren und verschiedene Open-Data-Projekte rund um Lebensmittel unterstützen, die aus den Open Food Hackdays im Februar 2017 hervorgegangen waren. Anfang August habe ich die Szenerie gewechselt. Im kommenden Jahr studiere ich in Costa Rica in Zentralamerika und schliesse meinen Master in Strategie und internationalem Management ab. In diesem neuen Umfeld und in einer neuen Kultur war ich sehr gespannt, wie die Open-Data-Welt in diesem Teil der Welt aussieht.
Vor zwei Wochen, vom 23. bis 25. August 2017, hatte ich nun die Gelegenheit, an der regionalen Open-Data-Konferenz Lateinamerikas in San José, Costa Rica, teilzunehmen. Mit diesem Blogbeitrag möchte ich meine Eindrücke mit euch teilen und zeigen, worum es der Open-Data-Bewegung in Lateinamerika geht. In den folgenden Zeilen beschreibe ich die zahlreichen Gespräche mit Menschen aus Mexiko, Guatemala, Costa Rica, Kolumbien, Peru, Brasilien, Uruguay und bis hinunter nach Argentinien.
Open Data in Lateinamerika – eine zivilgesellschaftliche Bewegung
Lateinamerika ist eine Region mit vielen Problemen – von korrupten Regierungen über fehlende Infrastruktur und Dienstleistungen bis zu grossen Ungleichheiten bei Einkommen und Vermögen.
Im Zeitalter der Digitalisierung werden diese Ungleichheiten noch grösser, da der Mangel an Infrastruktur und Ressourcen vielen Menschen in der Region den Zugang zu neuen Technologien und zu Bildung verwehrt – was die Kluft zwischen den Privilegierteren und den Armen immer weiter vergrössert.
Um diese Kluft zu schliessen, haben verschiedene zivilgesellschaftliche Organisationen begonnen, mithilfe der Bürgerinnen und Bürger eigene Daten zu sammeln, um die in den verschiedenen Ländern bestehenden Probleme sichtbar zu machen und Informationen darüber zu gewinnen. Zudem wechseln viele Journalistinnen und Journalisten zum Datenjournalismus, um Unregelmässigkeiten in den Abläufen mitunter korrupter Regierungen aufzudecken. Open Data hilft auch den Regierungen selbst, Transparenz zu wahren und Zusammenhänge zu erkennen – und so die enormen wirtschaftlichen Kosten zu vermeiden, die Korruption mit sich bringt.
Die Konferenzen Abrelatam und Condatos 2017 versammelten rund 300 Praktikerinnen und Praktiker aus Zivilgesellschaft und Datenjournalismus aus ganz Lateinamerika – aus Ländern wie Mexiko, Guatemala, Costa Rica, Panama, Kolumbien, Peru, Brasilien, Uruguay, Chile und Argentinien –, die gemeinsam eine Community bilden, um diese Probleme anzugehen.
Kreativität ist der Schlüssel
Es war sehr eindrücklich zu sehen, mit welcher Professionalität und Kreativität diese Konferenz präsentiert wurde. Die Open-Data-Community in Lateinamerika hat sehr gute Arbeit geleistet bei
Aber nicht nur die visuelle Gestaltung der Konferenz war sehr ansprechend. Die Konferenz selbst bestand aus einer sehr interessanten Mischung: einem gemeinsamen Brainstorming in Form einer Unconference – Abrelatam – am Tag vor den eigentlichen zwei Konferenztagen, an dem die Teilnehmenden ihre Gedanken und Anliegen einbringen konnten. Die folgenden Tage bewegten sich zwischen Vorträgen und interaktiven Workshops, sodass man gleichzeitig Wissen erwerben und direkt in der Praxis anwenden konnte.
Die besprochenen Themen, die professionelle und kreative Präsentation – besonders im Vergleich zu anderen Anlässen in Lateinamerika – und ein sehr motiviertes und inspiriertes Publikum machten dieses Treffen zu einem sehr fortschrittlichen und kreativen Raum, in dem tatsächlich Innovation entstehen konnte.
Open Data hat bei den Regierungen Priorität
Wer glaubt, Open Data sei in Lateinamerika eine kleine Bewegung einiger Geeks am Rand der Gesellschaft, irrt gewaltig.
Angesichts zahlreicher Herausforderungen haben innovative Regierungen in Lateinamerika erkannt, dass sie zur Lösung der sozialen Probleme die Hilfe der Zivilgesellschaft und ihrer Bürgerinnen und Bürger brauchen. Dass die Regierungen das Potenzial offener Daten erkannt haben, zeigte sich vielleicht am deutlichsten an der Anwesenheit des Präsidenten der Republik Costa Rica, der an der Abschlussfeier der Konferenz eine Keynote hielt.
Nach seinen Worten müssen sich die Institutionen dringend verändern, und das kann nur im Zusammenspiel von Regierungen, Zivilgesellschaft und Wissenschaft geschehen. Costa Rica hat tatsächlich eine Initiative namens «Gobierno Abierto» (dt.: «Offene Regierung») lanciert.
Auch im Panel zur Korruptionsbekämpfung mit offenen Daten wurde deutlich, dass viele lateinamerikanische Regierungen ernsthaft versuchen, Verwaltungsabläufe durch offene Daten effizienter und transparenter zu machen. Der Weg ist allerdings noch sehr weit.
Wohin geht Open Data in Lateinamerika?
Abschliessend lässt sich sagen, dass sich Open Data in Lateinamerika in einem sehr interessanten Stadium befindet – in dem Sinn, dass das Sammeln und Veröffentlichen von Daten durch Bürgerinnen und Bürger tatsächlich dazu beitragen kann, Probleme, die durch staatliche und institutionelle Lücken entstehen, zu erkennen, sichtbar zu machen und neue Lösungen dafür zu schaffen.
Leider wurde die Rolle der Unternehmen in diesem Prozess an dieser Konferenz kaum diskutiert. Zwar gab es Sessions dazu, wie sich die Wirkung von Open-Data-Initiativen skalieren lässt und wie man Geschäftsmodelle entwickelt, doch richteten sich diese nicht in erster Linie an die grossen Unternehmen der Region. Dabei scheint es gerade in Ländern, in denen grundlegende staatliche Dienstleistungen oft fehlen, ein grosses Potenzial für Unternehmen zu geben.
Schliesslich wurde allen Teilnehmenden sehr klar, dass es in der Gesellschaft Lateinamerikas ein Umdenken braucht, um die Agenda der Open-Data-Bewegung weiter voranzubringen. Dass Regierungen beginnen, die Anstrengungen der Open-Data-Bewegung aufzugreifen, ist vielversprechend. Es wird aber auch deutlich, dass die Konferenzteilnehmenden weit davon entfernt sind, eine repräsentative Stichprobe der lateinamerikanischen Gesellschaft zu sein. In diesem Sinn muss Open Data noch stärker vorangetrieben und für die Bürgerinnen und Bürger der Region inklusiver gestaltet werden.
Alles in allem verbrachte ich sehr interessante Tage in San José, an denen ich viele sehr engagierte und hochtalentierte Menschen kennenlernte, die die Open-Data-Agenda für Lateinamerika vorantreiben. Wie beschrieben, finde ich persönlich, dass diese Community über sehr wertvolle Fähigkeiten verfügt, um in dieser Weltregion grossen Einfluss zu nehmen und zu einer Kraft für positiven Wandel zu werden – ich werde das sehr gerne weiterverfolgen.
Von Florian Wieser, 5. September 2017, aus San José, Costa Rica.

