Unsere Erfahrungen bei der Sensibilisierung für Daten in der Deutschschweiz

  • Data Café

Stellen Sie sich vor, Sie gehen an einem bewölkten Nachmittag durch die Stadt. Vor Ihnen steht ein Kaffeewagen. «Möchten Sie einen Gratiskaffee?», fragt eine Frau unerwartet. Sie nicken und sagen ja, den Kaffeeduft schon in der Nase. «Super, dafür müssen Sie mir nur ein paar Ihrer persönlichen Daten geben», fügt die Frau beiläufig hinzu. Sie starren sie an und zögern.

Diese Frage haben wir an 11 Orten in der Deutschschweiz gestellt. Die Frage und der Gratiskaffee sind Teil einer Sensibilisierungskampagne namens Data Café, die ein reflektiertes Verständnis für den Wert von Daten in unserer Gesellschaft fördert.

Ein Handel, den die meisten von uns jeden Tag online eingehen, wurde auf die Strasse gebracht – wenn wir die Google-Suche, Facebook, Instagram oder WhatsApp nutzen, «bezahlen» wir die  «kostenlosen» Dienste mit unseren persönlichen Daten. Anders als im Internet, wo man viele Dienste gegen persönliche Daten nutzen kann, bekommt man im Data Café einen Kaffee, wenn man bereit ist, seine Daten preiszugeben:  Vorname, Nachname, Geschlecht, E-Mail, Geburtsdatum und Kanton. In diesem Video bekommen Sie einen Eindruck von unserer Kampagne – lesen Sie aber weiter, um zu erfahren, was wir auf unserer Reise durch die Schweiz entdeckt haben.

Ärger, Gleichgültigkeit & Interesse – eine grosse Bandbreite an Reaktionen

Die Reaktionen auf unser Angebot waren vielfältig. Einige wenige waren verärgert und liefen so schnell davon, dass wir weder die Motivation hinter unserem Angebot erklären noch fragen konnten, ob sie kostenlose digitale Dienste nutzen. Manche störten sich überhaupt nicht an dem Handel, auch wenn wir uns alle Mühe gaben, mit kritischen Fragen wie «Wissen Sie überhaupt, was wir mit Ihren Daten machen?» Unbehagen auszulösen. Sie wollten einfach ihren Gratiskaffee geniessen. Die meisten waren am Angebot interessiert, aber kritisch. Sie fragten: Was passiert mit meinen Daten?

Eine Seite AGB ist immer noch zu lang

Die Kaffeeliebhaberinnen und -liebhaber konnten unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) auf der Rückseite der Karte lesen. Die meisten waren aber zu bequem, unsere AGB zu lesen, obwohl sie nur eine Seite lang waren. Einige baten uns um eine Zusammenfassung:

  • Die gesammelten Daten werden anonym auf Servern der Universität Zürich gespeichert. 
  • Die Teilnehmenden erhalten eine E-Mail mit der Bitte, an einer Online-Umfrage teilzunehmen.
  • Die Daten der Umfrage werden über Qualtrics LLC, eine Firma mit Sitz in Utah, erhoben und am Ende dieses Projekts gelöscht.
  • Zusätzlich zu den Daten, mit denen die Teilnehmenden bezahlen, werden Angaben zu IP-Adresse, Standort und verwendetem Gerät gespeichert. 

Was meinen Sie? Hätten Sie diesen Gratiskaffee immer noch gern?

35 % der Besuchenden des Data Café sind bereit, mit ihren Daten zu bezahlen

Wir hörten viele Gründe, weshalb jemand seine Daten nicht für einen Kaffee hergeben wollte – von faulen Ausreden über ernsthafte Datenschutzbedenken bis hin zu widersprüchlichen Antworten, etwa wenn jemand auf der Strasse im Data Café keine Daten preisgeben wollte, aber gleichzeitig zugab,  online ohne zu zögern viel mehr Daten zu teilen.

Von den Personen, die wir fragten, ob sie einen Kaffee möchten, nahmen rund 35 Prozent das Angebot an und genossen einen Kaffee, den sie mit ihren persönlichen Daten bezahlt hatten. Nach ihren Beweggründen gefragt, argumentierten viele, ihre Daten seien ohnehin schon online verfügbar, sie persönlich hätten nichts zu verbergen oder sie vertrauten uns. Sind sie sich des möglichen Missbrauchs persönlicher Daten bewusst?

Und Sie? Gehören Sie zu denen, die unser Angebot angenommen und einen Gratiskaffee getrunken hätten? 

Lernen, Daten zu verstehen, zu schützen und zu nutzen

Unabhängig davon, ob jemand seine Daten geteilt hatte, ermunterten wir die Leute, unsere Website zu besuchen, auf der wir verschiedene Tipps zum Schützen, Verstehen und Nutzen persönlicher Daten zusammengestellt haben. 

Wer sein  Wissen über Daten vertiefen wollte, erhielt von uns das Magazin «Wert von Daten» der Stiftung Mercator Schweiz. Das Magazin beleuchtet das Thema in Gesprächen mit verschiedenen Fachleuten, die unterschiedliche Blickwinkel einnehmen.

Interessantes und Amüsantes aus der Umfrage

Um weitere Erkenntnisse zu gewinnen, schickten wir allen, die ihre Daten geteilt hatten, eine Umfrage.

Die Mehrheit der Personen, die im Data Café einen Kaffee tranken, war zwischen 18 und 34 Jahre alt, gefolgt von den 35- bis 50-Jährigen. 56 % der Befragten finden, es sei Zeit für eine vertiefte Debatte über Daten und Privatsphäre. Auf die Frage, weshalb wir so viele Dienste mit unseren Daten bezahlen, antworten 69 %, dass uns das nicht bewusst sei, während 9 % denken, dass wir nicht viel mit unseren Daten bezahlen.

Dank dem Data Café konnten wir mit vielen verschiedenen Menschen über den Wert von Daten und die Gefahren eines sorglosen Umgangs damit sprechen. Wir erreichten ein Publikum, das sich normalerweise nicht mit Datensicherheit oder Datennutzung befasst. Neben der Entscheidung, ob sie einen Gratiskaffee wollten oder nicht, hatten die Leute viele Fragen zu unseren Daten im Allgemeinen.

Um nur einige zu nennen: 

  • Weshalb ist es wichtig, meine Daten zu schützen? Alle haben meine Daten ja sowieso schon. 
  • Wie verdienen Firmen mit meinen persönlichen Daten Geld? 
  • Gibt es Alternativen zu … Google, WhatsApp, Facebook? 
  • Soll ich aufhören, Facebook zu nutzen?

Wie es weitergeht

Nächstes Jahr wollen wir unsere Kampagne weiterentwickeln und in der Westschweiz fortsetzen. Damit hoffen wir, unseren Ansatz weiter zu verbessern, unser Verständnis dafür zu vertiefen, wie sich Menschen gegenüber Daten verhalten, und schliesslich ein Data-Café-Handbuch zu veröffentlichen. 

Diese Initiative wird vom gemeinnützigen Verein Opendata.ch umgesetzt und von der Stiftung Mercator Schweiz ermöglicht.