Unfallkarte.ch: Transparenz versus Privatsphäre?

Veröffentlicht von am Okt 23, 2013 in Medien, National | Keine Kommentare

Warum das Bundesamt für Strassen seinen Datenschatz mit allen teilen sollte.

Unfallkarte.ch macht Schlagzeilen die Tage: erstmals ist plakativ aufbereitet und interaktiv zugänglich, wo in der Schweiz Verkehrsunfälle passieren. Die Karte ist beeindruckend, die Zahlen (8’639 Schwerverletzte! 659 Tote! 874’223’663.- Sachschaden!) ebenso. Und die Schlagzeilen (“Romands doppelt so oft betrunken am Steuer!”, “Am gefährlichsten: der Gubrist!” ) verkauften fraglos das eine oder andere Exemplar der gemeinsam dahinter stehenden Tamedia-Zeitungen SonntagsZeitung, Le Matin Dimanche und Tages-Anzeiger.

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Dahinter steht ein Schatz von Daten, erfasst von Polizisten und zusammengetragen durch das Bundesamt für Strassen ASTRA. Detailliert sagen die Daten aus, wo es wie gekracht hat, ob Velofahrer, Fussgänger oder Lastwagen und so weiter involviert waren und wann wo was und wer wie stark zu Schaden kam. Selbst Angaben zu den Ursachen der Unfälle, etwa ob Alkohol im Spiel war, sind dort ersichtlich; allerdings in so genannte “Cluster” zusammengefasst, nicht auf einzelne Fälle heruntergebrochen.

Diese Daten sind wichtig. Sie helfen dabei, das Schweizer Verkehrsnetz und -verhalten besser zu verstehen, Risiken abzuschätzen und Prioritäten zu setzen. Und sie unterfüttern die zu oft mit zu viel Leidenschaft geführte Debatte um fahrbare Untersätze, der Führung von Schnell- und Langsamverkehr oder die Diskussion um Infrastrukturprojekte mit Fakten.

Nun hat die Tamedia damit einen, wie es unter Journalisten heisst, Scoop gelandet, einen Primeur, den die konkurrenzierenden Medien nur mehr zitierend mitverfolgen konnten – ein Glanzstück in Sachen Datenjournalismus, und ein Hinweis darauf, wie sich die Hebelwirkung eines Medienhauses nutzen lässt. Das ist ein vielversprechendes Signal für unsere Medienlandschaft – und es dürfte sich nur um einen Anfang handeln.

Doch was von Polizisten erfasst und vom Amt für Strassen zusammengetragen wurde, ist Bürgern nicht zugänglich. Die Daten wurden zwar mit Steuergeldern finanziert, doch sie sind nicht offen. Sie wurden in diesem Fall für Tamedia lizenziert, Dritten ohne explizite amtliche Erlaubnis ist die Verwendung nicht gestattet – diese Daten gehören also nicht dem Bürger, sondern dem Amt, das entscheidet, wer wie wo damit was anfangen darf.

In der Diskussion um die Öffnung von Datensätzen werden in der Regel meist dieselben Gründe angeführt: „zu teuer”, “zu kompliziert”, “kann missverstanden werden” und viele andere mehr. Im Falle des ASTRA lautet das Argument, man befürchte, dass publizierte Daten die Privatsphäre von Bürgern verletzen könnten .

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Diese Befürchtung ist auch der Grund dafür, dass die erwähnten Unfallursachen nur gruppiert als Cluster auf unfallkarte.ch zusammengefasst werden. Klickt man eine einzelne Position an, verschwinden die Angaben zum Hergang. Wäre die Unfallursache jeweils gelistet, so befürchtet das ASTRA, könnte die interaktive Karte dazu benutzt werden, Verunfallte an den Pranger zu stellen. Die Boulevardmedien zum Beispiel könnten den Zeitpunkt aller durch Alkohol verursachten Unfälle untersuchen und mit Polizei-Meldungen verknüpfen, um Politikern Trunkenheit am Steuer nachzuweisen.

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Geschieht also in der Wohngemeinde ein Unfall, könnte man im Web die Ursache prüfen. Konkret: im Fall eines alkoholisierten Autofahrers, der ein Kind zu Tode fährt, heikel werden. Plötzlich haben es die trauernden Eltern Schwarz auf Weiss, oder eben Pixel neben Pixel, warum ihr Kind sterben musste. Das vielleicht noch bevor irgendwelche Gerichtsurteile gefällt sind.

Es ist entsprechend durchaus nachvollziehbar, dass das ASTRA angesichts solcher Schreckensszenarien seine Daten nur ungern herausrückt.

Dennoch sollte sich das Amt und die Schweizer Öffentlichkeit folgende Fragen nochmals eingehend prüfen: Sollte ein Politiker, der trunken am Steuer erwischt wird, auf seine Privatsphäre pochen dürfen? Könnte ein oben genannter Fall überhaupt eintreten, wenn die Daten einer Unfallursache, wie im Falle von Unfallkarte.ch, ein Jahr später zugänglich gemacht werden? Können die Daten nicht auf eine Art und Weise zugänglich gemacht werden, die solcherlei Gefahren minimieren?

Und ganz grundsätzlich: wie stark ist das Argument zu gewichten, dass wer bereits viel weiss dank offenen Daten zu mehr wissen kommen kann, als er haben sollte? Sprich: natürlich ist es so, dass wer viele anonymisierte Quellen hat, Schlüsse ziehen kann, die die Anonymisierung teilweise wieder aufhebt. Ist das aber ein Argument, keine Daten zu veröffentlichen? Lässt sich mit diesem Restrisiko restriktive Datenpolitik rechtfertigen? Könnte die öffentliche Hand, könnte die gesamte Schweiz nicht sehr viel mehr davon profitieren, wenn das ASTRA seine Daten öffnen würde? Für alle, und nicht nur für Tamedia?