Trainshare: vom Drama zum Lehrstück

Veröffentlicht von am Jul 30, 2012 in Apps, Medien | 2 Kommentare

Über das Wochenende kam ein gutes Mass Bewegung und einiges an Emotionen in die Debatte rund um Open Data im Öffentlichen Verkehr der Schweiz: die SonntagsZeitung griff die Situation der Entwickler der Social Travel App Trainshare auf, deren Idee sich unterdessen auch in einer angekündigten App der SBB fand, durch die Twitter und Blogger Community ging ein Aufschrei, Verdächtigungen und Vorwürfe allenorts. Ein wildes Hin und Her, von  “das kommt davon, wenn man fremde Daten anzapft!” bis zu “fauler Monopolist begeht Ideenklau!”, der regnerische Sonntag half wohl mit.

Der Artikel der SonntagsZeitung selbst gibt wenig Aufschluss über was genau geschah, die Chronologie des App-Entwicklers Philipp Küng spart hingegen nicht mit Details. Sein Engagement zeigt klar: hier sind keine “Datenpiraten” oder Querulanten am Werk, auch keine kalt kalkulierende Konkurrenten – sondern am Ende Fans, Leute mit Herzblut für unser faszinierendes Verkehrssystem. Ein Konflikt ist ganz einfach nicht nötig.

Auch wenn sich die Geschehnisse kaum mehr lückenlos rekonstruieren lassen, lassen sich Missverständnisse, Erwartungshaltungen und konzeptionelle Barrieren feststellen, die es für künftige Innovationsvorhaben bewusst anzugehen gilt. Fest steht:

  • Innovation entsteht sehr oft im Kleinen, in den Nischen – die Twitter Community liegt hier in ihrem Bauchgefühl sicher richtig. Doch egal, wer von wem übernommen hat, und ob überhaupt: Innovation geschieht nie im luftleeren Raum, jede Idee baut auf unzählige andere. Das gilt es stets zu bedenken. Und zu begrüssen.
  • Im Gegenzug wird ebenfalls klar, welch grosse Bedeutung offene Daten im Transportwesen, Initiativen wie make.opendata.ch oder transport.opendata.ch tatsächlich haben: sie erschliessen ein Potential für Innovation und produktiven Diskurs, welches nicht zu nutzen wohl fahrlässig wäre. Der öffentliche Verkehr gehört, im Herzen wie auf dem Papier, uns allen. Und er ist nicht nur eine Herausforderung, die es mit mehr Stahl und Beton zu lösen gilt, sondern auch eine von cleveren Verknüpfungen, von innovativer Informationstechnik.
  • Damit sich solcherlei Potential nutzen lässt, braucht es ein Umdenken, wie es in anderen Ländern schon weiter fortgeschritten ist. Bahnbrechende Apps wie Embark entstehen nicht in der Schweiz, doch nicht weil hier die klugen Köpfe fehlten. Sondern nicht zuletzt wegen organisatorischer und politischer Barrieren, die “Open Innovation”, andernorts “best practice”, hier zu süsser Utopie verkommen lassen.
  • Öffnung heisst entsprechend das Zauberwort, Öffnung der Dateninfrastruktur und Öffnung der Dialogkanäle. Eine klare Open Data Strategie, auf Ebene Verkehrsverbund oder auch bloss lokal. Ein klarer “Code of Conduct”, der festlegt, was von einander erwartet werden kann. Eine Dialogbereitschaft auf allen Seiten, mit klaren Kontaktpunkten. Ein politischer Wille und ein unternehmerischer Wille. Und die Erkenntnis, dass die Schweiz mit ihrer glorreichen Ingenieurstradition im Transportwesen ein faszinierendes Potential besitzt – das alles gilt es von hier weg aufzubauen, zu hegen und zu pflegen, mit Entschlossenheit wie Fingerspitzengefühl.

In diesem Sinne bietet der Vorfall vor allem eins: nicht ein Drama, sondern ein Lehrstück. Es zeigt allen Beteiligten und auch dem weiteren Umfeld, welche Dynamik in der Open Data Frage steckt, wie klar es hier um Innovationsgrundlagen geht.

Es ist kein grosses, aber ein sehr lebendiges Stück soweit, Helden gibt es wenige, und am Ende sitzen alle im gleichen Boot. Im nächsten Akt wird es Gespräche geben, es treffen sich @trainshare und @SBBConnect, es trifft sich der Vorstand von Opendata.ch,  und auch das Kader der SBB wird nun wissen, dass hier ein Stück mit grosser Dynamik gespielt wird. Ein Stück, in dem es noch Rollen zu besetzen gilt. Wo es Lehren zu ziehen gibt. Und ein Stück, hoffentlich, mit Happy End.

Wir bleiben dran.

 

 

Offenlegung: der Artikel der SonntagsZeitung wurde von Barnaby Skinner verfasst, Vorstandsmitglied von Opendata.ch. Oleg Lavrovsky, designiertes Vorstandsmitglied, arbeitet bei der von den SBB beauftragten App-Entwicklungs Firma. Der Autor dieses Beitrags ist ebenfalls Vorstandsmitglied von Opendata.ch und war bei transport.opendata.ch und der bekannten Gottago App involviert. Eine Koordination zwischen Zeitungsartikel, Twitter-Aufruhr, unternehmerischen Aktivitäten und diesem Blogeintrag fand nicht statt.

  • Falls die SBB App tatsächlich auf der Trainshare Idee beruht, gibt’s vielleicht einen einfachen Ausweg. Trainsharing ( http://make.opendata.ch/doku.php?id=project:transport:trainsharingapp ) ist ausdrücklich unter einer Creative Commons “CC Attribution Share Alike 3.0 Unported” Lizenz publiziert. Was fehlt, wäre demnach bloss die Attribution (z.B. Nennung des Projektteams in den Credits der SBB App). Das Konzept selbst ist wahrscheinlich durch die Publikation der App implizit auch publiziert. Die kommerzielle Verwendung der Idee durch die SBB ist mit dieser Lizenz erlaubt.

    Meiner Meinung nach ist CC-BY-SA eine sehr gute Lösung. Die Lizenz erlaubt der DIY / Maker Gemeinde fehlende Angebote und Produkte zu skizzieren, die dann von der Industrie mit entsprechenden Resourcen umgesetzt werden können. Jeder, der auf diese Skizzen kommerziell aufbauen will, darf das tun. Dies ist in jedem Fall im Interesse der Konsumenten, unabhängig davon wer schlussendlich das beste Produkt kreiert. Abgesehen davon liegt der Wert eines Produkts oft mehr in der Detail-Umsetzung, und im fortlaufenden Betrieb, als in der “Idee”.

    Liebe Grüsse an alle Beteiligten und bis zum nächsten make.opendata.ch, Thomas

  • Hannes Gassert

    Quellcode der App ist übrigens Open Source, falls jemand Freude daran haben sollte: https://github.com/trainshare